Fritz Roth
Alles beginnt mit der Sehnsucht
Fritz Roth wurde 1949 in Eikamp/NRW geboren.
Sein Vater führte einen Bauernhof und wollte, dass auch der Sohn Bauer werden sollte.
Fritz Roths Vater war ein Geschichtenerzähler, der es verstand „Geschichten zu zaubern und Geschichten in Geschichten zu finden.“
Und so fand auch Roth jun. seine eigene Geschichte. Zunächst absolvierte er eine humanistisch geprägte Schulbildung am St. Michaels-Gymnasium in Stey in den Niederlanden, danach wollte er Priester werden.

Doch hierzu kam es nicht, weil ihm ein Bestattungshaus in Bergisch Gladbach angeboten wurde und Roth ohne zu zögern zugriff.
„Mein größtes Glück war, dass ich keine Ahnung hatte. Mit Bestattung hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nichts zu tun“, meint Fritz Roth.
Zu Gute aber kamen ihm seine Kindheitserfahrungen auf dem Bauernhof sowie die humanistische Erziehung in der Klosterschule, die den Tod als eine natürliche Begebenheit begriff.
Heute führt Roth außer Pütz-Roth noch andere Bestattungshäuser sowie eine private Trauerakademie.
Fritz Roth hat die Branche ordentlich aufgemischt.
Er ist ein weltweit gefragter Referent, hat viele Bücher veröffentlicht und übt eine Vielzahl öffentlicher und ehrenamtlicher Ämter aus.
Sein Reisekonzept „Eine Reise ins Leben“ in Zusammenarbeit mit dem Reiseunternehmen TUI wurde von GEO Saison in der Kategorie Pauschalreisen mit der “Goldenen Palme 2011″ für Konzept und Umsetzung ausgezeichnet.
Kommt der Mann mit dem vollen Terminkalender, der dafür plädiert inne zu halten und zur Ruhe zu kommen, denn noch selbst zur Ruhe?
Ja, meint Roth, denn er nimmt sich bewusst Auszeiten, genießt Gutes Essen und engagiert sich in Kultur und Kunst.
„In drei Jahren nehme ich mir sogar mal ein ganzes Jahr Auszeit und danach werde ich mich ausschließlich auf das Thema Tod und Trauer konzentrieren“, bemerkt der Trauerbegleiter.
Trauer ist Liebe

Hier hat der Trauerbegleiter Roth fernab jeglicher Sterilität von Totenkammern und Friedhofskapellen eine Umgebung geschaffen, in der das Leben zu Hause ist.

Im Hauptgebäude ermöglichen spezielle Abschiedsräume erwachsenen Angehörigen und Freunden in heller, freundlicher Atmosphäre Ruhe für ihren ganz persönlichen Abschied zu finden. Hier können sie den Verstorbenen noch einmal in den Arm nehmen, ihn berühren und das Unfaßbare im wahrsten Sinne des Wortes begreifen, durch kreative Betätigung (Basteln, Schreiben und Malen) ihre Gefühle zum Ausdruck bringen oder gemeinsam Musik hören oder Erinnerungen auf Video betrachten.
In einem ausgedehnten Werkstattbereich besteht außerdem die Möglichkeit z.B. eine Totenmaske anzufertigen oder den Sarg selbst zu bemalen.
Der ‘Pfad der Sehnsucht’

“Ich möchte sehen, ob die Nähe zum Tod das kunstschaffende Wirken beeinflusst und wie ein kunstschaffender Mensch mit seinen Augen unsere Arbeit sieht”, erklärt uns der Bestatter.

Wie eine Steinlawine bricht der Tod in die alltägliche Welt. Und beim ersten Schritt durch die Tür in den kleinen, mit einer Wandleuchte erhellten Raum, bin auch ich verunsichert und komme zunächst aus dem Tritt. Ich will (alleine) weiter gehen, doch Roth fordert mich auf, halt zu machen und zuzuhören: “Es ist wichtig, seinen eigenen Weg durch ein Trümmerfeld finden. Niemand hat ein Anrecht auf Morgen und durch die natürliche Begrenzung Tod kann ich wieder die Ressource Leben entdecken. Leben braucht Gemeinschaft und durch Kommunikation entsteht Kultur.”
Gemeinsam sperren wir eine kleine unscheinbare Tür am Rande des Ganges auf. Ich hätte sie fast übersehen.


Ein von innen beleuchteter Mantel besteht aus Papierstreifen. Oeter hat die Briefe ihres Vaters aus dem Russland- und Polenkrieg auf Spezialpapier übertragen, die Bögen in Steifen geschnitten und daraus einen Umhang hergestellt, den es gilt in der eigenen Vorstellung über zu ziehen und sich dabei seiner eigenen Ursprünge bewusst zu werden.
Es sind viele Geschichten und Denkwürdigkeiten in diesem Raum.
Wir staunen, verweilen, erleben den Augenblick, rückblickend.
“Angesichts der Endlichkeit ist das Verweilen im Augenblick eine große Chance”, sagt Fritz Roth.
Später in den anderen Räumen erleben wir Grenzerfahrung, Vertrauen, Zerbrechlichkeit und Einzigartigkeit.
“Ich setze meinen Fuß in die Luft und ich fühlte sie trug mich.”
Dieses Zitat der Lyrikerin Hilde Domin soll für mich Wirklichkeit werden und stellt mich vor eine der größten Herausforderungen dieses Nachmittags.
Der Weg über einen gläsernen Boden, unter mir ein großes Nichts, führt zu einem Gang mit langen Glasregalen, links und rechts verschlossene Türen.
All das symbolisiert die Einzigartigkeit des Augenblicks und die Zerbrechlichkeit von Beziehungen. In Spiegelscherben zeigt sich der blaue Himmel und überall liegt Erinnerung.

“Wir sind Analphabeten für das Wahre im Leben, deshalb brauchen wir Bilder. Über Bilder entwickeln wir unsere eigenen Träume und Sehnsüchte”, resümiert der Trauerbegleiter.
Wir danken Fritz Roth für die starken Bilder und einen unvergesslichen Nachmittag.























